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Wenz Flash schrieb am 22.05.2011 um 21:56 Uhr:

Lieber Chen-Xin,
ich habe mich gewehrt, entsprechend meines Alters. Ich bin 1962 im 7. Lebensjahr in ein Waisenhaus eingewiesen worden. In meinem Elternhaus habe ich keine Prügel erlebt und wurde nie geschlagen. Dies erfuhr ich erst im Waisenhaus. Etwa zwischen dem 9. u. 10. Lebensjahr wurde ich von einem anderen Heimkind bei einer Erzieherin angeschwärzt und das Kind behauptete ich hätte ein Kind an einen Heizkörper gestoßen sodass es mit dem Kopf aufschlug, der nun blutete. Die Erzieherin hörte sich noch nicht einmal an, dass ich es nicht war und schlug einfach drauf los. Ich schlug plötzlich zurück, denn mir war zu Unrecht auf meine Backen geschlagen worden. Mein Zurückschlagen traf die Hände der Erzieherin und sie gab mir darauf einen kräftigen Schlag, sodass ich auf den Boden fiel. Dort schlug sie einfach weiter auf meinen Rücken, zog mich dann an den Ohren hoch und ging mit mir ins Badezimmer, wo sie einen Buchenstock von einem Kleiderschrank nahm. Ich erhielt jeweils sieben Stockschläge auf meine Innenhände, sodass ich anschließend meinte, mir würden meine Hände abfallen, denn die Schmerzgrenze war überschritten. Als das Blut wieder in meine Hände zurückfloss und die Hände wieder spürte, verlor ich meine Todesängste. Mein Widerstand war sodann gebrochen, ich wehrte mich bei weiteren Schlägen nicht mehr und lies es geschehen.
Zwischen dem 9. und 10. Lebensjahr ist ein Kind gegenüber einem Erwachsenen einfach noch zu schwach, um sich wirksam wehren zu können. Nun hätte ich auch fortlaufen können, wie es manche Kinder taten. Doch als sie wieder zurückgeholt wurden, erhielten sie eine ähnliche Prügelorgie, sodass es danach nur selten vorkam, dass ein Kind weglief. Und wer etwas seinen noch verbliebenen Verwandten etwas erzählte, wurde ebenfalls „abgeprügelt“, wenn sich die Verwandten an die Erzieher wandten und um Aufklärung ersuchten.
Ich und viele andere auch haben sich also gewehrt, eben entsprechend ihres Alters und den damit einhergehenden Möglichkeiten. Ich habe nun sehr früh meine Grenzen kennen gelernt und mußte mir etwas ausdenken. Ich fragte mich zudem sehr oft, warum passiert das eigentlich alles um mich herum. Ich fügte mich und galt die nächsten Jahre fast als Musterknabe. Offensichtlich verhalf mir dieses Vorgehen dazu, in eine Pflegefamilie vermittelt zu werden. Glücklicherweise prügelten meine Pflegeeltern nicht, sodass ich ab dem 14. Lebensjahr dauerhaft in eine Pflegefamilie integriert wurde, die mir dann meine schulische Qualifizierung bis zum Abitur ermöglichten. Danach nahm ich mein Schicksal selbst in meine Hand und studierte erfolgreich.
Was möchte ich dir nun damit sagen?
Gewalt ist leider keine Lösung, denn wer Gewalt sät, der Elend erntet. Versuche deine Erfahrungswelt dir selbst zu erklären. Warum macht ein Amtsvormund das? Weshalb sollst du in einem Erziehungsheim? Erziehe dich selbst!
Ich habe lange Jahre mein Elternhaus für meine Misere verantwortlich gemacht, konnte es mir jedoch nicht erklären, denn meine Mutter liebte mich und hatte es nie nötig mich zu schlagen. Mein Vater war bereits früh verstorben und kannte ihn daher nicht. Ich brauchte viele Jahre, um mir meine Schicksalsfragen beantworten zu können. Doch dies machte ich nicht öffentlich. Nach meinem Studium interessierte sich kein Arbeitgeber für meine familiäre Situation, da waren meine Leistungen maßgebend. Selbst wenn mich jemand nach meiner Familie fragte, konnte ich mitteilen, dass meine Eltern bereits verstorben sind und ich eine glückliche Kindheit hatte. Niemand hätte mir da widersprechen können. Erziehe dich daher selbst und du hast bereits einen sehr guten Anfang gemacht, in dem du dich sportlich betätigst. Denn Sport dient nicht nur der Körperertüchtigung sondern entwickelt auch den eigenen Verstand. Auch ich habe eine Zeitlang Kampfsport gemacht, jedoch nicht, um einen Erzieher kampfunfähig zu machen, sondern um mich in Notwehr verteidigen zu können bei Wahrung der Verhältnismäßigkeit. Der Kampfsport hat mir mein Selbstbewusstsein wieder erstarken lassen und ich fand es plötzlich nicht mehr nötig, mich auf die Stufe von Neo-Primitiven zu begeben, die verzweifelt auf ihre Muskelkraft zurückgreifen, um noch eine Art persönlicher Dominanz zu verspüren. Ich erfuhr natürlich, dass die Erzieher der 1960er Jahre oft noch nicht einmal eine qualifizierte Ausbildung entsprechend demokratischer Normen vermittelt bekommen hatten und noch durch das Nazideutschland infiziert waren. Für mich waren plötzlich meine damaligen Erzieher und Erzieherinnen ganz „dumme“ Leute, denen ich kraft meiner erreichten Qualifizierung nicht mehr gegenüberstehen wollte. Ich lernte mich auf mich zu besinnen und habe nun in mehrwöchigen Therapien weitestgehend meinen inneren Frieden gefunden, das heißt nicht, dass ich die damaligen Erzieher für ihre Vergehen entschuldige, jedoch kann ich meinen Hass eingrenzen und darauf achten, dass es meinem Körper und meinem Verstand keinen Schaden mehr zufügt.
Leider schaffe ich es derzeit jedoch aufgrund meiner beruflichen Belastungen noch nicht, mich ständig mit der Heimkindthematik zu befassen, auch wirken meine posttraumatischen Belastungsstörungen nach und habe auf Anraten meiner Therapeuten nur ein begrenztes Zeitfenster geschaffen, um auf meine Gästebucheinträge zu antworten. Halte daher die Kontakte zum Heimkinderverband, was mir leider auch noch nicht zeitlich möglich ist. Konzentriere nun deine Kraft auf deine eigene Erziehung, finde deine Sportart (übrigens habe ich neben dem Kampfsport auch noch Joggen gelernt, denn im Zweifelsfall laufe ich doch lieber weg, als jemanden lebensgefährlich zu verletzen, denn es belastet das eigene Gewissen) und suche dir deine Qualifizierungsmöglichkeit, deinen Beruf, deine Berufung. Sodann wünsche ich dir dazu die Vorbilder zu finden, die jeder von uns braucht sowie Freunde. Ich habe auch Freunde gefunden, die in ihrer Familie groß wurden, auch wenn ich diese Freunde anfangs beneidet habe, was sie jedoch kaum verstanden. Es ist noch ein harter Weg, doch halte dich nicht auf mit „schlechten“ Vorbildern. Ohne Vertrauen in andere Mitmenschen geht es leider nicht.
„Aus Beziehungen zwischen mir und der Welt, den ‚anderen´, besteht ja einzig mein Leben“. „Gewonnen hat immer der, der lieben, dulden und verzeihen kann, nicht der, der besser weiß und aburteilt“ (Hermann Hesse, Lektüre für Minuten 1999).
Wenz, 56 Jahre, denn das Schicksal nimmt seinen Lauf und fordert seinen Tribut. „Gegen die Infamitäten des Lebens sind die besten Waffen: Tapferkeit, Eigensinn und Geduld. Die Tapferkeit stärkt, der Eigensinn macht Spaß und die Geduld gibt Ruhe“ (Hermann Hesse, Lektüre für Minuten 1999).

Chen-Xin Danny Chiang schrieb am 19.05.2011 um 03:15 Uhr:

Hallo,
ihr könnt mich bei Youtube.com unter dem Namen
"Chen-Xin Danny" finden.

Warum habt ihr euch nicht gewehrt???
Warum habt ihr einen gewalttätigen Erzieher nicht
einfach mit den Finger in die Augen gestoßen ?
Nachdem ich von dem Amtsvormund Frau Beate Schulz,
Am Jungbornpark 169, in 47445 Moers, brutal an die
Wand gedrückt wurde und dieses perverse Sau sich mir
mit ihren altersschwachen Brüsten genähert hat, habe
ich angefangen Kampfsport zu treiben. Nachdem klar
war, ich kann mich wehren und würde sie auch in die Augen
stechen, rührte diese Amts-Sau mich nicht mehr an, sondern
machte immer einen großen Bogen um mich.
Chen-Xin Danny Chiang, 17 Jahre alt, Moers
Wehrt euch !!!
Um mich kümmert sich übrigens der Heimkinderverband
Deutschland, www.heimkinderverband.de

Wenz schrieb am 20.01.2011 um 22:34 Uhr:

Hallo Herr Klüber,
Der Zeitgeist hat keine Entschuldigungsfunktion sondern dient nur der Faktenanalyse!
Danke für ihren umfassenden Beitrag. Aus zeitlichen Gründen antworte ich nur auf ihre Kernthese, die sich darauf bezieht, dass etwas dem vermeintlichen Zeitgeist geschuldet sein soll. Es gibt keinen vermeintlichen Zeitgeist, sondern nur den Zeitgeist. Dem Zeitgeist kann man nichts schulden, sondern er ist Teil der Naturgesetze oder der überirdischen Kraft, das Leben schafft und mit dem Tod endet, d.h. die Natur (die überirdische Kraft) hat das Recht auf Leben und Tod, die der Zeit folgen bis in die Ewigkeit. Der Mensch ist Teil der Natur und nicht umgekehrt und muss sich dem natürlichen Schicksal fügen trotz menschlicher Gestaltungskompetenz. Unerklärliche Phänomene folgen dem Zeitablauf und sind als Zeitgeist klassifizierbar: was prägt eine Zeit und wie sind diese beeinflussbar. Mein Kinderheimaufenthalt war mein Schicksal, da ich es nicht beeinflussen konnte. Erziehung funktioniert nur, wenn den Kindern Grenzen gesetzt werden, was am besten durch die natürlichen Autoritätspersonen, Vater und Mutter, funktioniert. Ein Kinderheim kann dies nicht leisten. Grenzen setzen Eltern durch vielfältige Maßnahmen, wie Ignorieren, Liebesentzug, Schläge. Wir sind in Deutschland soweit gereift, dass seit einiger Zeit die Schläge verboten wurden: erst Ende der 1960iger Jahre wurden Schläge in der öffentlichen Erziehung verboten, d.h. es war auch dem Lehrer nun verboten worden, die Schulkinder zu schlagen. Seit Ende der 1990iger Jahre ist das Schlagen von Kindern durch die Eltern in der Öffentlichkeit verboten. In manchen Nachbarstaaten können Kinder immer noch ungestraft von den Eltern in der Öffentlichkeit geschlagen werden. Schlagen hat nichts mit Züchtigung und Folterung zu tun: mir wurden einmal vierzehn Stockschläge auf die Hände gegeben, so dass ich anschließend dachte, mir würden die Hände abfallen, d.h. die Schmerzgrenze war überschritten, ich spürte plötzlich meine Hände nicht mehr. Und das hat natürlich nichts mit Zeitgeist zu tun. Da steigerte sich eine Erzieherin in einen Rauschzustand und lies erst ab, als ich zusammenklappte. Dennoch können wir bei aller Diskussion nicht den Zeitgeist verkennen bzw. ignorieren. Es wäre genauso fatal, den Tod zu ignorieren. Aus Leben und Tod folgt für den Menschen Freud und Leid, das entstehende Leben bringt Freude, der Tod bringt Leid. Die Zeitachse zwischen Leben und Tod ist mein Schicksal und mein Lebenskampf. Als Kind habe ich den Zeitgeist noch nicht verstanden. Als Erwachsener habe ich mich diesem Naturphänomen gestellt und es verstanden. Leugnen dieses Naturphänomens hilft nicht weiter. Und die psychologische Fachwelt weiß, dass auch heute in Familien immer noch viele Kinder geschlagen werden und die Grenze zur Züchtigung oft überschritten wird. Das alles ist natürlich keine Entschuldigung für die prügelnden Eltern, sondern nur eine Feststellung im Zeitgeist. Genauso stelle ich fest, dass der Zeitgeist dafür gesorgt hat, durch die Bundestagskommission nur den Zeitraum der 1950er und 1960er Jahre zu beleuchten. Das hatte für die Bundestagskommission den Vorteil, sich nur mit den Kinderschicksalen auseinanderzusetzen und nicht noch mit den Erzieher/innen von damals, da diese inzwischen alle tot sein dürften. Die Erzieherin, die mir die Stockschläge verabreichte, musste sich anschließend erstmal eine Zigarettenpause genehmigen trotz Rauchverbots und wich deshalb ins Badezimmer aus, d.h. die Erzieherin war auch erst einmal fertig mit ihren Nerven. Auch diese Feststellung hat nichts mit Entschuldigung zu tun, sondern zeigt nur die Belastungssituation auf, von der unsere Politik nichts wissen will. Damals nicht und heute nicht. Und wer Kinder kennt, ich habe mehrere eigene Kinder, der weiß, dass Kinder ihre Grenzen ausloten und für jeden Erwachsenen zur Geduldsprobe werden. Erzieher sind daher immer dem Risiko ausgesetzt, in der Geschlossenheit einer Einrichtung die Geduld zu verlieren und ihnen letztlich nichts anderes übrig bleibt, wie sich auf die Stufe von Neo-Primitiven zu begeben, die verzweifelt auf ihre urzeitliche Muskelkraft zurückgreifen. Das ist halt leider das Schicksal von durch Eltern verlassene Kinder. Das Schicksal muss jedoch nicht zwingend eine negative Entwicklung bedeuten und kann auch positive Entwicklung umfassen, wobei auch hier der Zeitgeist wirkt. Der Zeitgeist hat dabei keine Entschuldigungsfunktion, auch wenn es die Täter gerne so sehen. Jeder Mensch trägt Selbstverantwortung in sich sowie die Verantwortung für die Gemeinschaft. Wer seiner Verantwortung für die Gemeinschaft nicht gerecht wird, trifft die „Strafe“ des Gesetzes, die Strafe der Gemeinschaft bzw. ihrer Vertreter. Die damaligen Erzieher, die Täter von damals können nicht mehr belangt werden, denn sie sind tot. Die Verantwortungsträger haben sich aufgrund des öffentlichen Drucks zu einer Entschädigungsleistung bekannt. Da bei dieser Entscheidung auch der Zeitgeist „befragt“ wurde, fällt die Entschädigung geringer aus, da der Zeitgeist als Entschuldigung beansprucht wird. Dies brauchen die Opfer nicht zu akzeptieren und müssen dann die Menschenrechtsverletzungen an die nächst höhere Instanz weiterleiten, den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Mir fehlt derzeit dazu noch die Kraft und die Zeit.
Mit besten Grüßen Wenz, denn Gerechtigkeit gibt es nur bei Gott.

Klaus Klüber schrieb am 20.01.2011 um 18:58 Uhr:

Hallo und guten Tag Herr Wenz

ich freue mich immer, wenn ich außerhalb erstarrter Institutionen auf Mitmenschen, zumal aus einst Heim und /oder Gewaltbetroffene treffe, die über den eigen Tellerrand schauen, um unserer Umwelt aus den eigenen Erfahrungen zu helfen folgerichtige Schlüsse aus der Vergangenheit zu ziehen.
Wovon sicher alle zukünftigen Kindergenerationen und Mitmenschen im positiven Sinne profitieren könnten, wenn denn diese Gesellschaft überhaupt für konstruktive Überlegungen empfänglich wären.
Doch so sehr unsere staatsverantwortlichen Kräfte nicht müde werden, die technologischen und wirtschaftlichen Fortschritte zu feiern, so erbärmlich nimmt sich der soziale Stillstand aus. Der heute noch genauso unerbittlich wie damals Fragen nach eigener Verantwortung verdrängt und sich darauf beschränkt vorhandenes Missstände/Unrecht und Leid nach „oben“ zu delegieren.
Ich möchte nicht zuuu weit ausschweifen, sondern möchte mich auf die Überzeugung beschränken, dass auch dieses verantwortungsabweisende Verhalten noch immer eine Folge unseres Obrigkeitshörigen Bildungswesens darstellt, dass in seiner Kernstruktur von Anfang an nach Wirtschaftsinteressen ausgerichtet ist.
Insofern dürfen wir uns kaum über unsere allgegenwärtige Ellbogenmentalität wundern, die sich innerhalb fortlaufend härteren Ausleseprozesses ausgebildet haben und kaum mehr Zeit und Raum für Überlegungen unser umgebenden Gemeinschaft und unsers eigenen Stellenwertes erlauben. Genau aus der daraus resultierenden Resignation erblüht im frühzeitigen Bewusstsein als gesellschaftlicher Versager sein Leben fristen zu müssen, Jugendgewalt Drogenkonsum und all die hässlichen Begleitsymptome, die am Ende wieder auf deren Kinder zurückfallen.
Dabei wären die erkennbaren Ursachen von Resignation und Überforderungssituationen unter denen Kinder am häufigsten zu leiden haben, sehr leicht mit aufklärender Bildung zu beheben und würde unsere Gesellschaft langfristig vor all den immensen Folgekosten bewahren, die wir gegenwärtig mit stoischer Gleichgültigkeit für all unsere bildungspolitischen Versäumnisse schultern müssen.
Eben wenn sich unser Bildungswesen endlich einmal an den Primärbedürfnissen der individuellen Menschenkinder orientieren würde.
Aber da passiert leider nichts, weil alle dieses System gezwungenermaßen durchlaufen haben und damit ein Gefühl von Normalität suggeriert wird, die in Wahrheit keine ist, wenn alle einheitlich auf ein wirtschaftsfreundliches DIN-Maß zurechtgestutzt wurden, in dem Mitmenschlichkeit, eigene und soziale Verantwortung fast wie Fremdwörter wirken, und es einfach gemacht wird sich doch besser „oben“ zu verlassen, als selbst aktiv zu werden.

Eben weil unser Bildungssystem niemanden zur Selbstständigkeit und kritischen Denken ermutigt.
Deshalb sehe ich den Schlüssel zur Überwindung aller gesellschaftlichen Gewalt und Apathie eindeutig in aufklärender Bildung.
Doch genau an selbstkritischen und selbstbewussten Bürgern haben unsere Staatsverantwortlichen erkennbar kein Interesse. Denn nur dumme und unorientierte Menschen kann man nach belieben für eigenes Profitstreben manipulieren.
Kirche ist da eines der allerbesten Beispiele.
Ach was könnte ich mich hier noch weiter ereifern.
Dabei wollte ich eigentlich nur auf die Ursache allen Übels hinweisen, denen wir damals innerhalb unserer Familien oder Heimeinrichtungen genauso zum Opfer fielen, wie auch heute noch genau diesen selben Mechanismen, unzählige junge Menschen zum Opfer fallen und damals wie heute in fremdbestimmten Erziehungsheimen einer ungewissen Zukunft entgegen sehen.

Die haben lediglich den Vorteil, dass sie heute nicht mehr mit ähnlich roher Gewalt bedacht werden wie wir einst behandelt wurden.

In diesem Zusammenhang möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf einen Aspekt lenken, den Sie in Ihrem Fachvortrag:
„Die Bundestagskommission: „Runder Tisch Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren”, ein Tisch im Geisterzug des Zeitgeists auf dem Weg ins Nirwana!?“ vollkommen unberücksichtigt haben.

So vermitteln auch Sie noch ein gewisses Verständnis für die Gewalt in Heimeinrichtungen, weil diese Praxis dem damaligen vermeintlichen Zeitgeist geschuldet sein soll.
Hier irren Sie auf ganzer Linie.
Da unsere Staatsorgane Kinder ja gerade unter Berufung rechtsstaatlicher Grundsätze in Heime einwies, in denen den Kindern ein besonders verbindliches Recht auf eine förderliche Entwicklung zugestanden hat.
Genau dieser Punkt macht den gravierenden Unterschied aus, warum das zugefügte Leid gegenüber allen Heimkindern besonders unrechtmäßig einzuordnen ist. Wobei ich hier den christlich/moralischen Anspruch der Heimbetreiber noch völlig außer Acht gelassen habe.

Ich denke diesen wichtigen Aspekt kann man nicht hoch genug hervorheben und bedauere sehr, warum dies in den vergangene Jahren in Bezug auf Heimkinder kaum eine öffentliche Erwähnung gefunden hat.
Woraus sich wiederum ableiten lässt, welch armseliges Schauspiel dieser runde Tisch mit seinen staatlichen und kirchlichen Vertretern abgegeben hat.
Unglaublich dass sich Kirchen und Staat auf rechstaatliche Grundsätze berufen um Entschädigungsleistungen von sich zu weisen, unter deren Bruch sie aber schon damals auf ihre anempfohlenen Kinder und Jugendlichen einprügelten.

Über christliche Moral oder ein Gewissen scheinen sie jedenfalls nicht zu verfügen, andernfalls sie kaum fähig gewesen wären, dem Bundestag so eine beschämende „Entschädigungsempfehlung“ als demokratischen Erfolg zu präsentieren.

Naja, es ist noch nicht aller Tage Abend. Sofern Sie möchten, schauen Sie doch mal bei mir vorbei. www.ex-Heimkinder.de
Ich könnte mir vorstellen, dass Ihnen die inhaltliche Zielrichtung gefällt und Sie sich meinem Bemühen anschließen könnten.
Sorry, wenn dieser Eintrag etwas länger geworden ist, aber das kommt halt dabei raus, wenn ich Menschen begegne, deren An- und Einsichten ich interessant und sympathisch empfinde.
Ich würde mich auf Ihren Gegenbesuch freuen.
Mit herzlichen Grüßen
Klaus Klüber

Wenz schrieb am 30.10.2010 um 21:08 Uhr:

Hallo Fiona,
deine Anfrage ist natürlich nicht mit wenigen Worten zu beantworten, aber eine etwas ausführliche Antwort ist vielleicht auch hilfreicher. Um es gleich vorweg zu nehmen:
Eine Heimunterbringung ist leider für Kinder nicht das richtige, denn die Kinder werden dort durch Erzieher betreut, die nur einen Beruf ausüben. Einen Beruf auszuüben ist ja nicht schlimm, doch Leute, die einen Beruf gelernt haben, meinen immer, das richtige zu tun, denn sie haben es ja gelernt. Wie die Lehrer in der Schule, die auch heute noch immer meinen, nur das richtige zu tun und nichts falsch zu machen. Doch jeder Mensch macht Fehler, der Mensch ist nicht perfekt. Und jeder Mensch möchte zumeist nicht gerne zugeben, dass er Fehler gemacht hat, zumal wenn er einen Beruf ausübt und greift dann oft zur Lüge. Kinder haben hier daher das Nachsehen. Wie ich in einem Artikel ausführte sind Erzieher in Ausübung ihrer Berufsrolle gegenüber dem Heimkind wie ein Perfektionist, dem keine Fehler unterlaufen. Fehler machen daher immer nur die Heimkinder, womit sich leider kein Selbstbewusstsein aufbauen lässt. Die Berufsausübung bedingt, dass Berufstätige vornehmlich mit dem Verstand agieren, während die Kinderwelt vornehmlich mit dem Gefühl agiert.
In der Familie läuft dies anders, denn Papa und Mama haben zwar auch einen Beruf, jedoch sind sie eben gegenüber ihrem Kind primär Papa und Mama und haben es nicht nötig, ihre Kinder zu belügen. Daher gehören Kinder in Ersatzfamilien, wie beispielsweise zu Pflegeeltern, wo Kinder ständig von denselben Personen betreut werden können und daher auch am besten von diesen lernen können. Denn jedes Kind braucht persönliche Vorbilder, von denen es die gesamte Privatheit erfährt und es daher am besten lernen kann. Von berufstätigen Erziehern erfahre ich nur den Berufsmensch, der seine Rolle mit Lug und Trug verteidigt.
Leider kennt unser Grundgesetz in Artikel 6 nur das so genannte Elternrecht (ein Naturrecht, kraft der Fortpflanzung der biologische und psychologische Faktor). Das Pendant ist das Kinderrecht (das natürliche Recht eines Kindes auf seine Eltern). Es gibt keine Kinderrechte im Grundgesetz obwohl bereits im Jahre 1959 die Vereinten Nationen Kinderrechte formuliert haben. Die Jugendbehörden sprechen stattdessen vom „Wohl des Kindes“, was nun mal ein geringwertigeres Recht ist, sofern man dabei überhaupt von einem Recht sprechen kann. Ein Kinderrecht zu haben würde bedeuten, einen Anspruch auf Ersatzeltern bzw. zumindest auf eine dauerhafte Bezugsperson zu haben, wenn die eigenen Eltern ihre Erziehung nicht ausüben können. Es gibt in Deutschland genügend Eltern, die bereit wären, zusätzliche Kinder in ihre Familien zu nehmen, doch der Staat macht Bedingungen: man darf als Pflegemutter nicht zu alt sein (in der Regel nicht älter als 40 Jahre), man muss regelmäßiges Einkommen haben (daher schwierig für Künstlerfamilien oder Freiberuflern), man muss irgendwelchen Vorgaben von Sozialarbeitern in Jugendämtern entsprechen. Das hat nichts mit Kindererziehung zu tun, das ist Kinderverwahrung, Kinderverwaltung in Verwahranstalten.
Wenn Kinder nun größer werden und dann Jugendliche sind, brauchen sie natürlich nicht mehr alleine ihre Eltern, aber weiterhin wären Eltern in ihrer Vorbildfunktion, wobei eine wesentliche Rolle die Berufsfindung darstellt. Viele verstehen dies nicht, doch es wirkt im Gedächtnis von uns. Jugendliche suchen sich je nach Interesse und Talent ihre beruflichen Vorbilder im Familienkreis, wozu auch die Großeltern und sogar verstorbene Verwandte gehören. Wer als Kind aus seinem Familienkreis gerissen wird, hat es daher deutlich schwerer, eine berufliche Orientierung zu finden.
Des weiteren gelten Heimkinder immer noch als stigmatisiert, d.h. sie sind für ihr Leben gezeichnet. Wenn ein Heimkind beruflich vorankommen will und dabei erfolgreich sein will, sollte es darauf verzichten, auf seine Herkunft hinzuweisen. Das ist natürlich in jungen Jahren schwierig, zumal wenn man nach der Hauptschule eine Berufsausbildung beginnt. Leichter fällt es, wenn man wie ich das Glück hatte nach über sechsjährigem Kinderheimaufenthalt in eine Pflegefamilie gekommen zu sein, die mir die schulische Qualifizierung bis zum Abitur ermöglichte und ich anschließend erfolgreich studierte. Nach dem Studium interessierte niemanden mehr, wo und wie ich groß geworden bin. Nachdem ich dann niemandem in der Berufswelt von meinem Heimkindstigmata erzählte, konnte ich recht unbeschwert meine Karriere vorantreiben. Dabei merkte ich jedoch, dass es leider auch viele Kinder in Familien treffen kann, d.h. sie wurden körperlich oder geistig schwer verletzt und leiden darunter ihr Leben lang bis es nicht mehr geht, das heißt sie werden irgendwann krank, ihr erwachsener Körper und ihr Geist schaffen es nicht mehr mit ihren kindlichen Verletzungen fertig zu werden. Insofern wird gerne von Jugendämtern argumentiert, dass die Erziehung in Familien auch problematisch sein kann. Jedoch ist dies kein Grund dafür dann Kinderheime zu schaffen. Um Gefahrensituationen vorzubeugen, müssten daher Pflegekinder in Pflegefamilien auch betreut werden.
Leider gibt es eine traurige Notwendigkeit, Kinder in Kinderheime tun zu müssen und zwar zeigten dies die beiden Weltkriege. In den Weltkriegen wurden viele Männer, sprich Papas getötet und viele Frauen, sprich Mamas waren nicht imstande ihre Kinder zu erziehen, da sie unter den Kriegen litten. Nach den Kriegen gab es plötzlich viele Waisen und Halbwaisen. Die Jugendämter hatten zudem viel zu wenig Personal, um noch Eltern zu finden, die sich um Kinder kümmern konnten und Kinder haben ja auch keine Rechte, außer das Erbrecht. Einer meiner großen Vorbilder, Hermann Gmeiner, ein Arzt, hatte das ganze Elend der Waisenkinder gesehen und die SOS-Kinderdörfer ins Leben gerufen. Hermann Gmeiner war davon überzeugt, dass Kinder Ersatzeltern, zumindest eine Mutter brauchen, um ordentlich zu wachsen und zwar eine Mutter die Liebe geben kann und sich die Kinder wohl fühlen können. Die Idee von Hermann Gmeiner wurde weltweit aufgegriffen und er schaffte ein tolles Lebenswerk. Leider verstehen die Notwendigkeiten, Kinder auch bei Ersatzeltern groß werden zu lassen, noch nicht einmal unsere Politiker, sind sie doch noch zu schwach, schon mal die Basis in unserem Grundgesetz zu schaffen. Es wird wohl noch viel Zeit brauchen, bis diese Einsicht in unsere Politikerköpfe Eingang findet und umgesetzt wird, auch wenn bereits die Vereinten Nationen im Jahre 1959 Kinderrechte formuliert hatten.
Abschließend möchte ich dir nur noch mitteilen, dass ich mich Anfang 2009 wieder etwas tiefer mit meinen Kinderheimerlebnissen befasst habe, da ja die Bundestagskommission RTH (Runder Tisch Heimerziehung der 1950er und 1960er Jahre) gegründet wurde und im Dezember 2010 ihren Abschlußbericht vorstellt. Auch wenn dies Historienbewältigung darstellt, doch das grundlegende Problem des Fehlens von Kinderrechten wird damit nicht gelöst und dem Machtmissbrauch von Erziehern in Kinderheimen ist weiterhin Tür und Tor geöffnet, die Täter von damals sind zwar gegangen, doch die Täter von morgen werden die jetzigen Erkenntnisse noch ideenreicher umsetzen, um Kinder weiter zum Schweigen zu bringen. Die bereits angebotenen Hinweise für Therapien der Bundestagskommission sind unzureichend und diejenigen Therapien, die helfen können werden durch die gesetzlichen Krankenkassen nicht bezahlt. Ich verdiene glücklicherweise genug sodass ich meine Therapien selbst bezahlen kann, nachdem ich die für mich vertrauensvollen Helfer und Helferinnen gefunden habe.
Kinderheime sind nichts anderes als die Kapitulation der politischen und berufstätigen Erwachsenwelt vor der Kinderwelt und letztlich ein Relikt der Nachkriegswelt. Die berufliche Erwachsenenwelt agiert vornehmlich mit dem Verstand, die Kinderwelt vornehmlich mit dem Gefühl. In einer Familie wird dies harmonisiert, aufeinander abgestimmt, denn auch Papa und Mama agieren zunächst primär mit Gefühl und dann auch mit Verstand. In der Berufswelt spricht primär der Verstand, das Gefühl ist „leidige Nebensache“, denn Perfektion ist gefordert, ein typisches Merkmal der Ausübung jeden Berufes. Kinder sind schon gefordert genug und viele überfordert, in der Schule zum „perfekten Schüler“ erzogen zu werden, die Erziehung im Kinderheim gibt dann leider den Rest zur perfekten Überforderung. Dies bedeutet für ein Kind eine Ewigkeit, denn das Zeitgefühl eines Kindes ist deutlich länger wie das eines Erwachsenen; für ein Kind sind fünf Jahre immens und nicht überschaubar, für einen Erwachsenen der Planansatz seiner Lebensgestaltung.
Viele Grüße von Wenz, denn der Kinderheimaufenthalt traf mich wie ein Blitz und das Gewitter dauerte fast sieben Jahre, für ein Kind eine Ewigkeit. Die Zeit heilt leider nicht alle Wunden und Gerechtigkeit gibt es nur bei Gott.

fiona schrieb am 29.10.2010 um 18:47 Uhr:

also, ich finde so etwas sehr schlimm, weil ich selbst fast noch ein kind bin und weil ich eine freundin habe, die aus dem heim kommt. es tut mir selbst sehr weh, wenn sie über ihr leben berichtet.
in der schule bearbeite ich gerade das thema "heimkinder" mit der frage " ist eine heim unterbringung für kinder aus problematischen familien das einzig richtige?" und ich fände es gut, eine meinung zu hören, die erfahrung hat. meine freundin hat mir schon sehr viel geholfen, doch wenn sie mit mir spricht, merke ich, dass sie das alles auch noch nicht richtig verarbeitet hat. würde mich über eine kleine antwort freuen. :D liebe grüße.

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